375. Timeless Control

375. Timeless Control

Was bedeuten eigentlich die Wörter “determiniert” und “Kontrolle”?

Das menschliche Gehirn kann sich keine Realität vorstellen, in der es keine Zeit gibt. Egal was wir uns vergegenwärtigen, die Kategorie Zeit wird immer unbewusst vorausgesetzt. Diese Intuition konfligiert mit der Realität, wenn wir versuchen über das 4-dimensionale “Block-Universum” nachzudenken, das nicht nur durch Barbour’s “zeitlose Physik”, sondern auch durch Einstein’s Allgemeine Relativitätstheorie impliziert wird.

Wenn du also versuchst, eine Perspektive außerhalb des Universums einzunehmen, musst du daran denken, dass deinen Intuitionen nicht mehr zu trauen ist.

Folgendes prima facie plausible Argument gegen den Kompatibilismus, wird durch eben diese Intuitionen genährt:

Wenn zum Beginn des Universums schon alles genau bestimmt ist, also unsere Gegenwart ebenso wie unsere Zukunft, dann sind somit auch schon unsere Entscheidungen seit Anbeginn des Urknalls determiniert und wir können somit die Zukunft auch nicht mehr ändern.

Aber im Block-Universum ist die Zukunft nicht determiniert, bevor du deine Entscheidungen getroffen hast. “Bevor” ist ein Zeitwort und lässt sich damit nicht sinnvoll anwenden.

Aus einer zeitlosen Perspektive sind die Zukunft und die Gegenwart auch nicht schon immer vorhanden gewesen. Sie sind einfach nur. Das Blockuniversum ist nicht ewig während. Es existiert auch nicht nur eine Sekunde und existiert dann plötzlich nicht mehr. Das Block-Universum ist einfach.

Man darf die zeitlose Perspektiven nicht mit zeitlichen Perspektiven vermischen. Determinismus ist eine zeitlose Perspektive, von der aus die Wörter “bevor”, “Am Anbeginn des Universums”, usw. keinen Sinn ergeben.

Die Vergangenheit bestimmt also die Zukunft, aber nur mittels der Gegenwart.

Wenn die Gegenwart eine andere wäre, dann wäre auch die Zukunft eine andere. Es ist nicht so, dass die Vergangenheit die Zukunft vollständig bestimmt, während die Gegenwart ein bloßes Epiphänomen ist.

Es ist dagegen korrekt zu sagen, dass der gesamte zukünftige Verlauf des Universum durch den Anfangszustand des Universum determiniert ist. Aber zugleich gilt, dass wenn ich mich anders entschieden hätte, die Zukunft ebenfalls eine andere wäre.

(Ok, ganz im Ernst. Das ist es eben, was mich stört. Klar, wenn ich mich anders entschieden hätte, wäre auch die Zukunft eine andere. Das klitzekleine Problem ist nur, dass ich mich nicht anders hätte entscheiden können!

Edit: Ich verstehe es jetzt! Du hättest dich nicht anders entscheiden können, ja das stimmt. Aber wovon wird diese Entscheidung wohl bestimmt? Von deinen Präferenzen und Überlegungen. Wenn sich diese zufällig andern könnten, dann hättest du dich anders entschieden, aber dann wäre es eine andere Person gewesen, eine Person mit anderen Präferenzen, die diese Entscheidung getroffen hätte! Dazu mehr im Post “Possibility and Could-ness”.)

Wie auch immer. Im ersten Fall reden wir über ein zeitloses, mathematisches Objekt. Im zweiten Fall geht es um Ursachen und Wirkungeninnerhalbdieses Objekts.

“Die Zukunft ist bereits geschrieben.” Diesem Gedanken liegt auch eine Vermischung von zeitlosem und zeitgebundenen Denken zugrunde. Die Zukunft ist nicht bereits geschrieben, die Zukunft ist einfach nur. Und sie wird teilweise durch uns, eben durch unsere Entscheidungen geschrieben.

Aber wie kann man die Zukunft beeinflussen, wenn man sie nicht verändern kann? Veränderung ist ein Begriff der sich auch nur “innerhalb der Zeit” anwenden lässt. Eine Veränderung benötigt immer Zeit. Und in der Tat kannst du das Universum verändern, wenn du z.B. einen Lichtschalter von “An” zu “Aus” schaltest. Du kannst Dinge verändern, denn wenn du anders handeln würdest, würde sich die Zukunft auch verändern. (diese kontrafaktischen Prinzipien lassen sich natürlich auch auf die Vergangenheit anwenden. Z.B: Wenn du dich nicht angestrengt hättest, wären die Kinder ertrunken.)

In zukünftigen Posts werden wir genauer analysieren, was diese “Kontrafakten” genau bedeuten, hoffentlich wird dann einiges klarer.

One comment on “375. Timeless Control

  1. -

    […] Erhellende Diskussion in den Kommentaren, die nochmals eines der früheren Argumente von Yukdowsky verdeutlicht: Man darf die zeitliche Perspektive nicht mit der zeitlosen vermischen! […]

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